Rezension Hess (2019) Digitale Transformation strategisch steuern

Hess (2019) Digitale Transformation strategisch steuern. Vom Zufallstreffer zum systematischen Vorgehen. Wiesbaden: Springer.

von Josef G. Böck

Das Buch von Thomas Hess liefert genau das, was der Titel verspricht. Es ist eine strukturierte Anleitung zur strategischen Arbeit an der digitalen Transformation von Produkten, Dienstleistungen, Prozessen und Geschäftsmodellen von Unternehmen.

Der Autor Thomas Hess ist Institutsdirektor für Wirtschaftsinformatik und neue Medien an der LMU in München und angesichts unzähliger Veröffentlichungen zum Thema ein ausgewiesener Experte. Als solcher stellt er seinen Leserinnen und Lesern ein gut verständliches und über die Jahre in seinem Team entwickeltes „Digital Transformation Management Framework“ vor, mit dem sie zu einer eigenen Strategie der digitalen Transformation kommen sollen.

Er beginnt mit einem Überblick über die Herausforderungen der digitalen Transformation, erklärt im Kapitel 2 die wichtigsten Begriffe digitaler Transformation und definiert in Kapitel 3, wie sich Strategien und Strukturen für die digitale Transformation entwickeln lassen. Im darauffolgenden Kapitel geht er auf die veränderten Wertschöpfungsstrukturen durch die digitale Transformation ein und beschreibt danach die Voraussetzungen für einen gelingenden Transformationsprozess. Er schließt mit einer kurzen Zusammenfassung. Wer sich schnell einen Überblick über den Ansatz des Buches verschaffen will, der kann mit dieser Zusammenfassung anfangen und sich dann die einzelnen Kapitel ansehen. Wie in jedem neueren Fachbuch des Hauses Springer finden sich am Ende jedes Kapitels ausführliche Bibliographien, die gerade für Referenzen zu den vielen praktischen Beispielen im Buch öffentlich verfügbare Zugänge aufzeigen.

Nach eigener Beschreibung möchte das Buch „Managern und Unternehmern helfen, in ihrer Organisation spezifische Strukturen aufzusetzen, die es erlauben, die digitale Transformation systematisch anzugehen und dabei weniger vom Zufall abhängig zu sein“ (S. 2). Dieses leistet das Buch damit, dass es in den einzelnen Abschnitten sinnvolle Ziele für die Unternehmen definiert, die dafür nützlichen Begriffe klärt und wirkungsvolle und etablierte Werkzeuge und Herangehensweisen vorstellt. Beispiele dafür sind Industrie 4.0, Design Thinking, digitale Reifegradmodelle, Customer Journal Analysis oder die neue Rolle von Intermediären. Die wesentlichen Vorteile und Einschränkungen der einzelnen Methoden auf dem Weg zu einer digitalen Strategie werden kurz beschrieben, aber nicht weiter im Detail ausgeführt. Das erzeugt bei der Darstellung des Digital Transformation Management Frameworks einen leicht zu verfolgenden roten Faden. Wer von den Lesern sich schon länger mit den Trends der digitalen Transformationen beschäftigt, wird durch die Ausführungen zu technischen Entwicklungen und deren Auswirkungen auf Unternehmen nicht überrascht. Wer sich aber als Manager und Unternehmer bisher nur episodisch mit dem Thema beschäftigt hat, für den klärt der Autor viele Fragen rund um die Einbettung der digitalen Transformation in die eigenen Produkte und Leistungen, in die eigene Organisation und die Folgen fürs eigene Geschäftsmodell. Für den Autor steht dabei am Anfang eine Transformationsstrategie, die drei Funktionen hat: Die Beschreibung der erforderlichen Veränderungen in der Wertschöpfungs- und Managementstruktur, die Vorgabe des Umgangs mit digitalen Technologien und die Berücksichtigung des finanziellen Handlungsspielraums und -drucks (S. 42).

Wie unterschiedlich die digitale Transformation sich auf die Strategie in verschiedenen Branchen auswirkt, wird überall im Buch deutlich. Als Beispiele für die verschiedenen Reifegrade in Unternehmen und Branchen nutzt der Autor beispielsweise die Medienbranche, die Automobilindustrie und die Erstversicherer. Mit etwas Vorsicht lassen sich seine Ausführungen vom Leser auf andere Branchen übertragen und damit nutzbar machen. Entsprechende Hinweise sind überall im Buch zu finden. Sie zeigen, wie gut man sich in den einzelnen Branchen auskennen muss, bevor man sich ein Urteil über den Stand von deren Transformation und die „richtige“ Strategie erlauben kann. Wie überall im Buch bleibt Thomas Hess auch da beim roten Faden und damit bei seiner Vogelperspektive.
Dieser gut strukturierte und unaufgeregte Blick auf die digitale Transformation durch jemanden, der Leserinnen und Lesern helfen will, eine Strategie für ihre Unternehmen zu entwickeln, ist die Stärke des Buches. Es verzichtet auf übertriebene Erfolgsgeschichten zugunsten vorsichtiger Einschätzungen zu den möglichen Wirkungen. Der Autor argumentiert als technisch versierter Betriebswirtschaftler. Als solcher will er festgehalten wissen, „dass es bei der Digitalisierung und der darauf aufbauenden digitalen Transformation aus Sicht eines Unternehmens immer nur um die Frage gehen kann, inwieweit die Nutzung digitaler Technologien zu einer Verbesserung der ökonomischen Situation führt. Keinesfalls ist das bei einer Erhöhung des Digitalisierungsgrades immer automatisch der Fall“ (S. 38). Es wäre spannend gewesen, wenn er an manchen Stellen dazu mehr vom Stand der Effizienzforschung digitaler Hilfsmittel berichtet hätte. Dann hätte der Leser konkreter fassen können, welches kaufmännische Potential in der digitalen Transformation fürs eigene Unternehmen steckt und was es kostet, dieses zu heben. Aber vielleicht hätte das den roten Faden zerfleddert.